Donnerstag, 30. Oktober 2014

Dein Bruder hat das Down-Syndrom.....

Es war im Herbst 2012, als wir uns entschlossen hatten mit Alexander über das Down-Syndrom zu sprechen. Die Situation kam etwas forciert, da viele Schulfreunde aus Alex Klasse ihn kontinuierlich fragten, warum Antonio noch nicht spreche. Damals war Antonio 4 Jahre, Alexander 5 ½.  Alex kam natürlich auf uns zu und fragte, als Antonio noch 2—3 Jahre alt war konnten wir sagen, dass er noch klein sei, doch mit 4 Jahren und mit der Situation, dass alle Schulfreunde von Antonio sprechen konnten, wollten wir ihm nicht sagen, dass Antonio noch nicht richtig spreche, weil er “noch klein” sei, das ging nicht. Das würde nicht funktionieren, da Alex diese Erklärung an seine Freunde weitergeben würde, und Antonio als “klein” etikettiert werden würde.
Dazu kam noch, dass die Schule uns ein Familienbild zeigte, welches Alex gemalt hatte, was uns dazu letztendlich bewegte, mit ihm über die Situation zu sprechen.

Eines Abends, als Antonio hundemüde war und relativ früh ins Bett ging, nutzten wir den Moment um mit Alex zu sprechen.

M: “Alex, was siehst du an Antonio anders?”
A: "die Augen, die sind so." und zog an den Seiten seiner Augen, bis sie so waren wie bei Antonio.
M: "sonst noch etwas?"
A: "er spricht nicht."
M: "weisst du warum nicht ?"
A: "nein, ich weiss es nicht."
M: "Wie du weisst, sind wir alle unterschiedlich."
Alex nickte nur und schaute die Mutter mit grossen Augen an, so, als ob er alles verstehen würde, er saugte jedes Wort der Mutter ein. An seiner Haltung und Aufmerksamkeit spürte ich, wie er sich innerlich freute. Er hatte uns für sich alleine. Er schwieg, hörte einfach nur zu und die Mutter sprach weiterhin einem sanften ruhigem Ton.
Wir schauten uns kurz an, nun war der Moment gekommen . Ich hatte keine Ahnung was und wie ich es Alex erklären würde, mir war ganz mulmig fühlte mich unwohl, warum ich mich so fühlte weiss ich nicht, ob es vielleicht daran lag, dass ich diesen Moment vermeiden wollte? Warten wollte, dass Alex älter ist? Ich selber klar haben wollte, wie und was ich zu erklären habe… ich weiss es nicht.

Maria war in diesem Moment entschiedener und hatte die Ideen klarer im Kopf als ich. Sie holte tief Luft und fing an in einfachen Kinderworten zu erklären, wie das Baby im Bauch der Mutter entsteht und wie wunderbar das ist, und er auch so entstanden ist, und alle Babys mit bestimmten Eigenschaften auf die Welt kommen und Antonio sei eben mit einer grösseren Zunge und den besonderen Augen auf die Welt gekommen und die grosse Zunge macht, dass er nicht so gut sprechen kann. Diese Eigenschaften bezeichnet man als Down-Syndrom.
Kurze Stille. 
 A: "so wie die anderen Kinder beim Schwimmunterricht, die haben auch solche Augen!
Aber Antonio ist ein bisschen anders als diese Kinder."
Kaum hatte er dies gesagt, schaute er leicht verdutzt, wer weiss was für Bilder er im Kopf hatte.
Und sagte nur: “no lo entiendo. Ich versteh es nicht.”
Da stieg ich ins Gespräch ein und versuchte nun meinen Senf dazu zugeben.
P: Alex, Antonio ist etwas anders, weil wir daran glauben, dass er genauso lernen kann wie du.
Du magts doch, dass er mit dir spielen kann, Fahrrad fährt und Karate macht.
A: nickt.
 P: ok, die meisten  Personen glauben nicht, dass Kinder wie dein Bruder Antonio nicht lernen können, kannst du dir das vorstellen?
A: schaut verdutzt
P: Und wenn sie sehen, dass Antonio so viele Sachen machen kann
 wie du und andere Kínder, sind sie sehr überrascht und freuen sich sehr.
Alex antwortete darauf:
A: Ah, deswegen mögen alle Antonio, mehr als mich ?

Ich hatte diese Antwort nicht erwartet, und wenn ich recht überlege, weiss ich nicht warum oder wieso ich anfing ihm dies zu erzählen, dennoch es war der schrecklichste Moment in meinem Leben, ich war wie gelähmt, spürte einen Kloss im Hals, ich konnte nichts mehr sagen, war gelähmt, hatte diese Antwort nicht erwartet, und kämpfte nur gegen meine Tränen an, spürte ein Stechen im Herzen, doch verlor ich den Kampf, Tränen kullerten meine Wangen runter, ich spüre heute noch wie stark ich den Mund zusammenpresste und die Luft für Millisekunden anhielt.

Was musste dieses kleine Kinderherz aushalten, wenn es erlebte wie sein Bruder bevorzugt wird?

In diesen Gedanken, die nur Millisekunden dauerten, spürte ich Wut, Traurigkeit, alles zusammen. Maria weinte ebenfalls, schloss aber Alex sofort in die Arme hielt ihn ganz doll fest und sagte nur wie doll sie ihn lieb habe.
....
Dieses Erlebnis hatte uns damals noch mehr die Augen geöffnet, dass wir noch mehr darauf achten müssten, Antonio nicht im Mittelpunkt stehen zu lassen, wo auch immer, auch wenn wir von uns aus stets versuchten auszugleichen, war dies bisher nicht genug. Alex Aussage war en Geschenk, er teilte mit uns seine Gefühle, welche uns bildlich klar machten, wie wichtig es ist die Gefühlswelt unserer Kinder und von uns selbst, stets in Gedanken zu haben, zu schützen und Ernst zu nehmen.
Ich freue mich mit ihm damals darüber gesprochen zu haben, denn für Alex bedeutete das DOWN-SYNDROM nichts Anderes als, dass sein Bruder beliebter war als er. Es hatte nichts mit Behinderung oder sonstigen Definitionen zu tun, die wir Eltern in unseren Köpfen haben. Er hatte seine eigenen Definition. Wir sind froh, da wir die Situation frühzeitig erkannten und nun umlenken konnten.
Es ging auf einmal nicht um Antonio, es ging um Alex.
Bis heute (Alex 7,5 und Antonio 6) bedeutet das Down-Syndrom für Alex nichts Anderes, als dass sein Bruder langsamer lernt zu sprechen, genauso, wie er andere Sachen langsamer lernt. Es gibt sonst keine weiteren Unterschiede, da er selber erlebt, dass Antonio genauso ist, wie alle anderen Kínder. 


weiterlesen: Alexander & Antonio

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