Samstag, 11. Oktober 2014

Ich wünschte jeder Tag wäre ein "awareness month"...

„Es gibt ein „Down Syndrome Awareness Month“!, sagte mein Bruder mit großer Begeisterung! Als ich davon erfuhr musste ich den ganzen Tag darüber grübeln. 

Welche Bedeutung hat so ein Monat und warum gibt es das? Warum freut er sich so?

Langsam begriff ich und mir wurde einiges bewusst. … Dieser Monat hat nun auch mein Bewusstsein geweckt!



Mein kleiner großer Neffe Antonio (6) Jahre wächst mit dem Down Syndrom auf! Ich wähle bewusst diesen Ausdruck. Er ist mit diesem sogenannten Syndrom geboren und wächst mit diesem auf.

Doch was bedeutet das eigentlich für ihn? Wie definiere ich dieses Syndrom?  

Ich fange nun an zu recherchieren: Laut Wikipedia bedeutet es, dass Menschen mit Down Syndrom „in ihren kognitiven Fähigkeiten meist so beeinträchtigt, dass sie geistig behindert sind“.  Die Definition schockiert mich im ersten Moment.
Meine Gedanken gehen weiter…ich will nun mehr wissen… , denn meine Erfahrung mit meinem Neffen sehen ganz anders aus… Ich frage mich dann: „Hat Antonio dann wirklich das Down Syndrom?“

Was bedeutet kognitive Fähigkeit? Im Lexikon lese ich folgende Definition. Oft ist mit „Kognition“ das Denken in einem umfassenden Sinne gemeint.
Wenn ich diese Definition nochmal genauer durchdenke komme ich auf keinen Schluss.

Das Denken im umfassenden Sinne…

Ich muss mich an eine kleine Szene mit meinem Neffen erinnern: Er hatte Geburtstag. Dieser Geburtstag sollte eine Verkleidungsparty sein. Seine Mutter fragte ihn was er denn gerne sein möchte. Er „denkt“ und sagt, er wolle ein Pirat sein. Die Mutter fragte ihn, was ein Pirat alles braucht, er „denkt“ und sagt, ein Pirat habe ein Holzbein. Deswegen wolle er ein Pirat sein mit einem Holzbein und einer Augenklappe. Die Konversation ging so weiter…

Was ich damit sagen will ist, dass die Erfahrung mit meinem Neffen zeigte, dass er mit seinen 6 Jahren bereits lernt selbst zu „denken“. Nun fragen Sie sich? Lernen zu denken? 

– Wir Menschen lernen, tagtäglich, lernen zu laufen, lernen durch Erfahrungen, lernen durch Beobachten, lernen durch Fühlen, lernen zu denken, lernen unsere Gedanken zu lenken. Und jeder in seinem eigenem Tempo.
Ich selbst bin mittlerweile 30 Jahre alt und sehe, dass ich noch viel zu lernen habe. Jetzt frage ich mich, wie wurde meine Kognition gefördert? Wie wird die von Antonio gefördert?

Ich lese weiter im Lexikon und es werden u. a. folgende kognitiven Fähigkeiten aufgeführt. Wenn ich an meinen Neffen Antonio denke, erinnere ich mich an kleine Anekdoten zu einigen Fähigkeiten…

Wahrnehmung:
Ich habe zehn Tage lang meine Familie in Spanien besucht. Am Nachmittag, als ich schon abgeflogen war, ging meine Schwägerin mit den Kindern in den Park. Sie erzählte mir dann, dass Antonio in den Himmel schaute und ein Flugzeug sah. Er sagte zu ihr: Schau mal, Mama! Da ist Tante Ula.
 
Erinnerung:
Im September kam Antonio in die „primaria“ erste Klasse. Einen Abend vor dem ersten Tag, fragten die Eltern Antonio ob er sich erinnern könne (nach zwei Monaten Schulferien), wo denn vorher seine Klasse gewesen sei. Nach ein paar Denkanstößen, erinnerte er sich und fing an zu beschreiben. Am ersten Schultag holte ich ihn ab und fragte ihn, wo er den seinen Platz im Klassenraum hat. Er zeigte mir diesen ganz stolz.

Lernen:
Zum Geburtstag hat Antonio eine digitale Fotokamera geschenkt bekommen. Er liebt es zu fotografieren. Ich zeigte ihm mit Geduld wie man mit der Kamera umgeht. Danach wollte er loslegen… ich bat ihn, mir genau die Schritte zu wiederholen, die ich ihm zeigte. Anmachen, Foto schießen, Foto anschauen, Ausmachen. Er zeigte es mir. Wenig später übten wir fleißig…

Wille, Glaube, Emotion, Orientierung:
Mein Bruder erzählte mir vor ein paar Tagen, ist Antonio alleine zum Bäcker gegangen, um Brötchen zu holen. Ich gehe davon aus, dass er die Fähigkeit besitzt sich zu orientieren! Er hat durch seine Wahrnehmung, sich an den Weg erinnert und durch regelmäßige Besuche beim Bäcker mit der Familie gelernt, wie man Brötchen kauft. Er hatte den Willen, aus eigner Entschlusskraft, alleine zum Bäcker zu gehen, damit er der Familie etwas Gutes tun kann. Seine Eltern haben ihm das Vertrauen geschenkt und an ihn geglaubt, somit hatte er den Glauben an sich selbst. Als er wieder nach Hause kam, hatte er ein Wahnsinns Erfolgserlebnis gespürt und vor Freude gerufen „ Ich habe es geschafft, ganz allein!“ Er hat seinen Emotionen freien Lauf gelassen…..nicht nur er selbst war stolz, sondern auch seine Familie!

Nun frage ich mich… ist doch alles Mist was im Lexikon steht… die wahre Definition liegt in uns selbst, in unserer Familie und den Menschen, die uns im Leben fördern, glauben und für uns kämpfen.

Ich wünsche mir und unserem Umfeld viel mehr "Kognition" in Bezug auf dieses Thema. Die Fähigkeit für alle seine eigene Wahrnehmung zu erweitern und nicht zu beschränken.
Nun verstehe ich die Begeisterung meines Bruders zu diesem „Down Syndrome Awareness Month“. Viel mehr die Bedeutung für ihn und für die Gestaltung der Zukunft von Antonio. Ich wünschte jeder Tag wäre ein „awareness month“, um nicht zu vergessen, dass wir alle nur Menschen sind.

Gastebeitrag von Tante (tia) Ula zum 21&31

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